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Schweden in der Pandemie: Der Schein vom vergnügten Stockholm trügt

Die Bilder von gut besuchten Restaurants in Schwedens 2-Millionen-Metropole Stockholm während der Pandemie sind um die Welt gegangen. Das war Ende März. Heute, gut einen Monat später, zeigt sich Stockholms Innenstadt von einer anderen Seite. Menschenleere Strassen, Passanten, die ausweichen, Abstandslinien in den Einkaufszentren, Autos vor den Häusern, die für gewöhnlich nur nach Feierabend dort parkiert sind. 

Kurz: Das Schweden, das in der Pandemie einen Sonderweg geht, ähnelt plötzlich sehr stark dem restlichen Europa. Dabei ist den Schwedinnen und Schweden nie ein Lockdown verordnet worden, basiert das Allermeiste auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung – mit Ausnahme des Besuchsverbots in Altersheimen, der Schliessung von Oberstufe, Gymnasium und Universität sowie dem Verbot von Menschenansammlungen über 50 Personen. 

Gleichwohl hat sich Stockholm seit Ende März verändert. 

Wohin man schaut: Leere Strassen 

Beispielsweise im Stadtteil «Södermalm»: In Hauptstrassen, wo man morgens normalerweise im Stau steht, herrscht gähnende Leere. Wo gewöhnlich hunderte von Menschen in Richtung U-Bahn strömen, ist nur vereinzelt ein Passant anzutreffen. Auf digitalen Werbesäulen und grossen Aufklebern auf dem Asphalt heisst es allenthalben: «Abstand halten.» 

80 Prozent Discount

Und auch in Richtung Stockholms Altstadt «Gamla Stan», wo sich vor der Pandemie Dutzende von Menschen frühmorgens zu Fuss zur Arbeit quer durch die Stadt aufgemacht haben, fallen primär die Discount-Plakate (70 bis 80 Prozent!) in den Schaufenstern auf, derweil drinnen die Frühlings- und Sommermode vergeblich auf Kundschaft wartet. 

Die Bilder drücken auf die Stimmung. Wie passt diese gespenstische Szenerie zu den überfüllten Cafés von Ende März, wo sich Dutzende in der Sonne suhlten? Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Die Fallzahlen jedenfalls sind gemäss dem schwedischen Staatsepidemiologen endlich wieder am sinken. Das ist Balsam für die Schweden. Denn obschon das skandinavische Land keinen Lockdown verordnet bekam: Der Staat leidet unter der Pandemie. Dies hat vor allem auch mit der starken Abhängigkeit vom Ausland zu tun. Allen voran Ikea und H & M sind von den Verkaufszahlen in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern abhängig. In besagten Ländern waren die Läden für Wochen zu. Aber auch Volvo hat eben erst seine Produktion wieder hoch gefahren. Und die skandinavische Fluggesellschaft SAS hat bereits einen Stellenabbau angekündigt.

Das unabhängige staatliche Konjunkturinstitut hat denn auch unlängst seine Prognose deutlich nach unten korrigiert: «Wir sehen den grössten Einbruch seit den 50er-Jahren», heisst es. Das Institut rechnet mit einem um sieben Prozent niedrigeren Bruttoinlandprodukt.  

3000 Todesopfer: Kein Ruhmesblatt

Und während Finnland (255 Opfer), Dänemark (506) und Norwegen (216) vergleichsweise wenige Todesopfer zu verzeichnen haben, steigt die Mortalitätsrate in Schweden nach wie vor stark. Dabei profitiert Schweden mit seinen rund 10 Millionen Einwohnern aufgrund seiner Grösse von natürlichem Social Distancing. Seit gestern verzeichnet Schweden über 3000 Todesopfer. Vor allem in den Altersheimen und in Quartieren im Hotspot Stockholm mit vielen Ausländern war die Situation lange Zeit kritisch. 

Ist es die hohe Mortalitätsrate, die dafür sorgt, dass die Stimmung innerhalb Stockholms umschlug? Um 10.30 Uhr am Kunsträdgarden bei bestem Wetter, wo die Fotos mit den überfüllten Cafés enstanden sind, herrscht an diesem Mittwochmorgen ebenfalls Totenstille. Nur ein paar Arbeiter geniessen die Morgensonne.

Unverändert zeigt sich die Szenerie gleich dahinter, in Stockholms bekannter Shopping-Meile mit seinen teuren Geschäften. Keine Passanten, keine Kundschaft, dafür viele Discount-Schilder mit 70 und mehr Prozent.

Es ist beelendend. Wird die Wiedereröffnung in anderen europäischen Grossstädten ähnlich negativ ausfallen?

Oder ist es ein Unterschied, ob ein Lockdown staatlich verordnet wird oder die Menschen von sich aus Verantwortung übernehmen? Inwiefern wirken die trüben Konjunkturaussichten ganz generell auf das Wohlbefinden der Menschen?

Schweden vertrauen Experten und weniger den Politikern

Die Schweden seien gut im Befolgen von Empfehlungen des Staates, solange sie die Vorteile für sich selber erkennen, sagen verschiedene Interviewpartner. Dabei sei man alles andere als staatsgläubig. Deshalb mache ein verordneter Lockdown keinen Sinn. Man vertraue dem Staat und seinen Experten, aber nicht unbedingt seinen Politikern. Während andere Länder Leadership von ihren Ministern erwarte, verlangten die Schweden nach objektiver Einschätzung und Empfehlung von Experten.

Generationenkonflikt

Auf den Bildern mit den überfüllten Cafés seien zudem vorwiegend junge Menschen zu sehen, ist man sich einig. Diese Generation wolle ihr Leben weiterleben wie bis anhin und geniesse das frühlingshafte Wetter nach der dunklen Jahreszeit – Corona hin oder her. Solange die Restaurants offen hätten, werde die jüngere Generation diese auch besuchen. 

44- bis 55-Jährige haben Einstellung geändert

Hingegen habe sich die Einstellung der 44- bis 55-Jährigen in den vergangenen Wochen stark verändert. Verantwortlich dafür seien Nachrichten über verstorbene Schweden im besten Alter. Unter anderem ist ein bekannter Radio Journalist im Alter von 51 Jahren vor ein paar Wochen an Corona gestorben.

Für Schlagzeilen sorgte aber auch eine an Covid-19 verstorbene jüngeren Krankenschwester aus dem Universitätsspital in Stockholm, die sich im Vorfeld über schlechte Schutzausrüstung beklagt hatte. 

Angst vor Jobverlust 

Inwiefern andere europäische Länder mit auferlegtem Lockdown auf eine konsumfreudigere Gesellschaft treffen werde – dazu wagt niemand eine Prognose. Aber der Stockholmer Ola Henriksson, unabhängier Businessberater bei Star K, sagt: Die Situation sei nicht gemacht, um momentan Geld auszugeben. «Ich beispielsweise arbeite jetzt seit acht Wochen von zu Hause aus. Da gibt man zwangsläufig weniger Geld aus. Und all jene, die ihre Arbeit bereits verloren haben oder Angst haben, sie zu verlieren, gehen sowieso auf Nummer sicher und kaufen nur das Allernötigste.»  

Hier gehts zum Artikel in der Luzerner Zeitung und ch media.

Erschreckend ruhig. Stockholm Anfang Mai 2020.

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