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Ist Schwedens Weg in der Pandemie gescheitert?

Es ist der 6. Juni 2020. Schweden feiert seinen Geburtstag. Passend dazu ist das Wetter: Es regnet.

Schweden muss aktuell viel Kritik einstecken. Ausgerechnet die Nachbarländer Dänemark (589), Norwegen (239) und Finnland (323) haben in der Corona-Krise viel weniger Todesopfer zu beklagen (Schweden: 4600 Personen, 6. Juni). Alle drei Länder wollen deshalb die Grenzen zu Schweden bis auf weiteres geschlossen lassen (Ausnahme ist Gotland – die Fallzahlen sind viel tiefer). Dies nagt am Selbstbewusstsein der stolzen Schweden.

Kampfgeist geweckt

Und so kommt beim einen oder anderen der Kampfgeist auf, so schnell wie möglich etwas an der Situation zu ändern. Im umgekehrten Fall will man um jeden Preis an der Strategie festzuhalten. Schliesslich ist man sich aus der Geschichte gewohnt, das zu bekommen, wonach man trachtet – wie einst zu Wikinger-Zeiten, als man die Welt „im Sturm eroberte“ und sich nahm, was vor einem lag. Nicht einfach als wilde Barbaren, sondern auch als hart arbeitende Farmer, Händler, Entdecker und Schiffbauer.

Rückblende: Als in Italien die Sars-CoV-2-Fallzahlen stiegen und die Bilder von den überfüllten Notaufnahmen in den Spitälern um die Welt gingen, beschloss Schweden mutig, sein Schiff mit einem eigenen Kurs durch den hohen Wellengang zu manövrieren. Dies mit dem Ziel, nebst wenig Todesopfern möglichst wenig materiellen Schaden zu erleiden.

Gleichzeitig für seinen Kurs bewundert und kritisiert, schien es lange Zeit so, als könne den Schweden die Kritik anderer Länder nichts anhaben. Eine Verhaltensweise, die ihnen eigen ist und die sie auszeichnet.

Zuviel des Schlechten

Die verschlossenen Grenzen scheinen nun aber für Verunsicherung zu sorgen. Und so ist es ausgerechnet der schwedische Staatsepidemiologe, der in einem Radiointerview selbstkritisch meint: Man hätte in der Anfangsphase – als man noch Zeit gehabt hätte – strengere Restriktionen ergreifen müssen.

Wenig verwunderlich, erheben die Behörden weiterhin den Mahnfinger. Nach wie vor sterben über eine Woche hinaus gesehen pro Tag im Schnitt an die 50 Personen. Und die Zahl der Neuinfektionen ist hoch (3. Juni: 2000 Neuinfektionen). Unter anderem wird forciert getestet, was sich deutlich auf die Statistik auswirkt.

In einer Woche beginnen überdies die Sommerferien. Die meisten Schweden dürften diesen Sommer zu Hause bleiben – so wie es der Staat erwartet. Noch vor einer Woche hiess es, man empfehle, sich nicht weiter als zwei Stunden vom Wohnort zu entfernen, um die Gesundheitszentren abseits der grossen Städte nicht zu überlasten. Inzwischen ist diese Empfehlung aufgeweicht worden.

Entsprechend dürfte der warme Süden von schwedischen Wohnmobil-Reisenden in Besitz genommen werden. Nicht unberechtigt haben die Bewohner südlich von Stockholm Respekt vor einem hohem Gästeandrang.

Anzunehmen ist, dass nicht nur die Schwedinnen und Schweden die südlichen Badestrände aufsuchen werden sondern auch Badegäste aus Deutschland oder aus Dänemark.

Schwedens Grenze ist für Bewohner aus EU-Staaten inklusive der Schweiz offen. Respektive, sie war für Bewohner dieser Staaten nie geschlossen. Und dies dürfte auch so bleiben. Dies ist nur ein Merkmal von Schwedens Weg in der Pandemie.

Gescheitert? Teilweise gescheitert? Zu früh für ein Urteil?

Wo die Schweden aktuell stehen, ist auf den folgenden Grafiken und Illustrationen gut ersichtlich. Die Frage, ob Schwedens Weg gescheitert ist, kann jeder selber für sich beantworten. Für mich ist es zu früh, ein abschliessendes Urteil zu fällen, selbst wenn – Stand heute – vieles darauf hindeutet, dass der schwedische Weg zwar in seinen Ansätzen gut, in der Ausführung aber von Beginn weg zu wenig konsequent war.

Einzelne Elemente dürften Vorbildcharakter erhalten

Sicher ist: Dank den Schweden gibts aufschlussreiches Datenmaterial, wie man es auch machen könnte. Und welche Elemente der schwedischen Strategie man möglicherweise bei einer zweiten Welle übernehmen könnte. So haben die Schweden beispielsweise ihre Primarschulen offen gelassen, was vielerorts auf positives Echo stiess: Wegen der sozialen Vereinsamung der Kinder, aber auch, um Konflikte zu Hause zu vermeiden, oder um den Lernstand von Kindern aus bildungsferneren Haushalten nicht zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen.

Die Daten der Grafiken sind von der Johns Hopkins Universität sowie von www.worldometer.com sowie teilweise vom deutschen Magazin „Spiegel“ aufbereitet worden.

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