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Vom Verlierergefühl der Schweden, ihrem Siegeslächeln und einer trügerischen Sorglosigkeit

Vor knapp zwei Monaten hat in Schweden das neue Schuljahr begonnen und mit ihm der Arbeitsalltag vieler. Anders als vor den Sommerferien ist das Verkehrsaufkommen auf den Strassen deutlich höher. Und auch in die U-Bahn und in die Busse drängen sich mehr Menschen.

Passend dazu fasste unlängst meine Coiffeuse die Situation in Stockholm zusammen: „Die Menschen haben das Gefühl, das sei es nun gewesen mit Covid-19.“

In Schweden ist das Tragen einer Maske kein Thema. Insbesondere bei Schulkindern verweisen die Behörden gerne auf eine fehlerhafte Handhabung und generell auf eine trügerische Sicherheit, in der sich die Menschen dadurch wiegen.

Nicht alle können diesen Entscheid nachvollziehen. Insbesondere viele Expats beurteilen den Umgang damit kritisch. Schliesslich kennen sie teilweise ganz anderes aus ihren Heimatländern.

Aber auch meine unter 40 Jahre alte Coiffeuse sagt stellvertretend für eine jüngere Generation:

„Mir wäre es lieber, wenn im öffentlichen Verkehr sowie an neuralgischen Orten wie beim Coiffeur alle eine Maske tragen würden.“

Ihrer Ansicht nach würde dies das Alltagsleben erheblich erleichtern. So hingegen sei man immer etwas unsicher, was man tun und lassen solle und fühle sich bisweilen unwohl im dichten Gedränge.

Sie beispielsweise sei sensibilisiert, weil eine gesunde, junge Person aus ihrem engen Freundeskreis im Frühling an Covid-19 gestorben sei. Aber auch ihr Chef sei im Sommer positiv getestet worden, weswegen man eine Zeit lang im Coiffeurgeschäft Masken getragen habe. Nun sei es damit grossmehrheitlich wieder vorbei.

So wie sie mögen einige Schweden denken. Doch nur wenige getrauen sich, im öffentlichen Raum auch eine Maske zu tragen. Die grosse Mehrheit vertraut diesbezüglich ihrem Staatsepidemiologen Anders Tegnell und folgt seiner Devise. Und die lautet nach wie vor: Maskentragen kann kontraproduktiv sein.

Dass die Mehrheit hinter Anders Tegnell steht, ist kein Wunder. Nach hohen Fallzahlen vor den Sommerferien sah es ab Anfang August ganz danach aus, als könne man die Fallzahlen im niedrigen Bereich halten. Ganz im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, die bereits von einer zweiten Welle sprachen.

Zudem ist den Schwedinnen und Schweden nicht entgangen, dass ihre Art der Krisenbewältigung im Ausland für viel Aufsehen sorgt und nicht wenige den schwedischen Weg bewundern.

Und wer vom schwedischen Weg spricht, der denkt automatisch auch an seinen Chefepidemiologen. Financial Times, Spiegel, Weltwoche: Sie alle haben bei Tegnell um einen Interviewtermin gebeten.

Dabei schimmerte in den vielen Medienberichterstattungen immer wieder die Bewunderung für seine distanzierte, überzeugende Haltung durch. Es ist eine Art, die Mut und Zuversicht bei den Menschen verbreitet.

Aber auch in Stockholm ansässige Expat-Familien äussern sich inzwischen längst nicht mehr so kritisch wie zu Beginn der Krise. Nicht wenige wissen von Besuchen in ihren Heimatländern von schwierigen Situationen, in denen ihre Landsleute stecken. Ob in Amerika, in England oder in Spanien ist einerlei.

Diese Zuversicht dürfte mitverantwortlich dafür sein, dass in den vergangenen Wochen so etwas wie eine positive Grundstimmung zu spüren war und aus den Gesichtern Stolz sprach. Es ist ein Stolz, der den Schweden eigen ist und der sie ausmacht.

Entsprechend nachvollziehbar ist, was derzeit in der schwedischen Hauptstadt zu beobachten ist: Die Sorglosigkeit ist zurück.

Stockholm City Anfang Oktober 2020: Dichtes Gedränge in der Innenstadt. Bild: www.gutenmorgenstockholm.ch

Oder ist es ein Verdrängen – weil man sich nur ungern zurück erinnern will an vergangenen Frühling? Damals, als alles seinen Anfang nahm. Als Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven von sehr schwierigen Zeiten sprach, die auf Schweden zukommen würden. Als er die Menschen darauf einschwor, sich an Verhaltensregeln zu halten. Als er von tausenden von Toten in Schweden sprach, die nur wenige Monate später Realität werden sollten: Knapp 6000 sind es Stand heute.

Höhepunkt der Krise war, als die Nachbarländer ihre Grenzen zu Schweden schlossen. Dies kam quasi einem Gesichtsverlust Schwedens gleich. Zu hoch war die Zahl der Neuansteckungen und dies über Monate hinweg. Allgemein herrschte Ungläubigkeit aufgrund der hohen Mortalitätsrate. Obendrein verzeichneten die Nachbarstaaten viel weniger Todesfälle. Dies nagte am Selbstbewusstsein der Schweden, die ihre weniger restriktive Handhabung immer verteidigt hatten. Dass es dann ausgerechnet jene am stärksten traf, die man unbedingt schützen wollte, spaltete das Land tief.

Und nun diese Sorglosigkeit. Es ist der zweite Samstag in Folge, der mich nach Abschluss meiner Einkäufe in der Innenstadt irritiert zurück lässt.

Die Läden sind voll mit Menschen. Wo man hinblickt, gibts verhältnismässig viel Körperkontakt. Und dies trotz einer Kultur, die soziale Distanziertheit auch in normalen Zeiten bevorzugt.

Fakt ist: Es ist nicht wirklich erstaunlich, dass in Schweden die Fallzahlen aufgrund dieser Sorglosigkeit steigen, die zeitgleich einher geht mit den kühleren Temperaturen draussen. Und dass Anders Tegnell beunruhigt ist ob des entspannten Verhaltens seiner Landsleute und warnt. Noch scheinen seine Worte im Gedränge in Stockholms Innenstadt unterzugehen.

Die Datenlage ist deutlich. Die Positivitätsrate ist inzwischen von niedrigen 1.6 (Kalenderwoche 38) auf 2.4 Prozent in der darauf folgenden Woche gestiegen – dies bei einem Volumen von über 100’000 Tests pro Woche (siehe Grafiken unten). Dabei liegt die Mortalitätsrate seit Wochen meist im einstelligen Bereich. Die Spitäler haben entsprechend genügend Kapazität. Wie lange dies so bleiben wird – die Zukunft wird es zeigen.

Anders als während der ersten Welle scheinen die Behörden diesmal jedoch nichts anbrennen lassen zu wollen. Erstmals ist von möglichen lokalen Lockdowns die Rede. Und auch situativ anzuordnende Schulschliessungen fliessen ins Gedankenspiel der Behörden mit ein.

Kurz: Die Schweden passen sich immer mehr dem restlichen Europa an. Derweil einem in Schweden das Gefühl beschleicht: Das Ausland kopiere mehr denn je die „tegnellsche“ Strategie.

So oder anders: Es spielt keine Rolle, wer sich nun wem annähert. Und wer nun Recht hat oder nicht. Eines ist sicher: Die Schweden werden ihren Weg weiterverfolgen und dabei auf Hauruck-Übungen wenn immer möglich verzichten – eines der grossen Plus.

Als Schweizerin mit Gastrecht in Schweden hoffe ich, dass in diesem Winter auch die vulnerable Bevölkerungsschicht in den Altersheimen geschützt werden kann. Letzteres ist eines der Top-Themen auf der Traktandenliste der schwedischen Politik. Ich würde es den Schwedinnen und Schweden gönnen.

Denn ans Herzen gewachsen sind sie mir allemal. Entsprechend werde ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz unter vielen Dingen vor allem eines vermissen: Dieses überzeugte Vorwärtsstreben ohne alles und jedes erst abzugleichen und ans Umfeld anzupassen. Wobei es die Schweden verstehen, dann Kurskorrekturen vorzunehmen, wenn sie angebracht sind. Optimalerweise tun sie dies dann, wenn es nur wenige registrieren, weil der Fokus anderswo liegt.

Ja, richtig gehört: In letzterem sind Schweden Weltmeister. Im sich selber im richtigen Zeitpunkt in ein optimales Licht zu rücken und sich gut zu verkaufen. Hierin stehen sie den Amerikanern in nichts nach. Ich mag es ihnen gönnen. Das ist doch menschlich – nicht?!

Herzlichst,

Simone Hinnen Wolf

Quellen Text: The Local Sweden, Tagesspiegel.de, div. schwedische Medien, Behörde für öffentliche Gesundheit Schweden; Quelle Bild: Stockholm City, 4. Oktober 2020, www.gutenmorgenstockholm.ch

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